Der Frühling ist da, und ich freue mich, den ersten Newsletter zur Paartherapie-Forschung 2026 zu präsentieren. 

Dabei haben sich Qualität und Format verbessert:
  • Die Anzahl der vorgestellten Studien ist kleiner, aber dafür präziser auf die praktische Anwendbarkeit in der Paartherapie zugeschnitten.
  • Ich bin noch rigoroser in der Arbeit mit KI geworden, was die Präzision der Zusammenfassungen angeht.
  • Die Vorstellung der einzelnen Studien ist nun auch mit einer eigenen DOI (Digital Object Identifier) als PDF downloadbar. Damit ist der Newsletter aufnahmefähig in wissenschaftlichen Verzeichnissen.
 
Was dich erwartet: zwei zusammenhängende Studien zu Chapmans Love Languages – es sind nicht fünf, sondern vermutlich zehn! Beide Studien sind quantitativ und sehr aufwendig gewesen, sehr lesenswert. Eine weitere Studie beschäftigt sich mit den Gründen, warum Frauen nach einer Außenbeziehung ihres Mannes in der Beziehung bleiben. Eine irische Studie beleuchtet ADHS in Beziehungen aus der Sicht des neurodivergenten Partners – ich arbeite viel mit ADHS-Paaren, aber diese Insights waren selbst für mich erhellend (und manche auch erschütternd). Speziell für die Paartherapie-Ausbildung habe ich ein Paper gefunden, das auf einem Flowchart die systemische Herangehensweise visualisiert. Verschaffe dir selbst einen Überblick, viel Spaß beim Lesen!
Dein Doc Philipp
Dr. Philipp Riehm
 

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  • Flicker, S. M., Sancier-Barbosa, F., Clemons-Castanos, C., Field, S., Jackson-Zambon, S., Phelan, M., & Impett, E. A. (2025). How Many Love Languages Are There? Examining Chapman’s Five Love Languages Using a Bottom-Up Approach. Journal of Marital and Family Therapy, 51(4), e70072. https://doi.org/10.1111/jmft.70072
  • Flicker, S. M., Sancier-Barbosa, F., & Impett, E. A. (2025). Revisiting the Five Love Languages Framework: Toward a More Flexible Model of Love Expression. Journal of Marital and Family Therapy, 51(1), e12747. https://doi.org/10.1111/jmft.70078

Die erste Studie ist im Volltext via ResearchGate bei den Autor:innen anfragbar.

Forschungsfragen: Die Studien untersuchten, ob Gary Chapmans bekanntes Modell der fünf Sprachen der Liebe die Vielfalt menschlicher Liebesbekundungen tatsächlich erschöpfend abbildet. Zu den Kernfragen gehörten:

  1. Beschreiben Menschen Wege, Liebe auszudrücken, die über die ursprünglichen fünf Sprachen hinausgehen?
  2. Verfügen wirklich alle Individuen über eine klare „Primärsprache“ der Liebe?
  3. Sagt die Erfüllung dieser Primärsprache die Beziehungsqualität besser voraus als andere Verhaltensweisen?
  4. Bietet ein erweitertes Modell mit 10 Dimensionen eine bessere statistische Passung und Vorhersagekraft?

Zusammenfassung der Durchführung: Die Forscher:innen wählten einen Bottom-up-Ansatz. In einer ersten Studie ließen sie 696 Personen in Langzeitbeziehungen offen beschreiben, wie sie und ihre Partner:innen Liebe zeigen. Mittels thematischer Analyse identifizierten sie acht Themen, die in Chapmans Modell fehlten oder zu kurz kamen. Daraufhin wurde ein Pool von 94 Items erstellt und mit 500 Teilnehmer:innen faktorenanalytisch untersucht. Schließlich wurde das resultierende 10-Faktoren-Modell in einer weiteren Studie mit 499 Personen validiert und mit Chapmans ursprünglichem Modell verglichen. Dabei wurden sowohl die Präferenzen („Wie geliebt würde ich mich fühlen?“) als auch die Zufriedenheit mit dem tatsächlichen Verhalten des Partners abgefragt.

 

Implikationen für Praktiker:innen:

Die wichtigste Erkenntnis für die Praxis lautet: Liebe ist vielfältiger als bisher angenommen, und die Fixierung auf eine einzige „Primärsprache“ kann klinisch kontraproduktiv sein. Die Studien zeigen, dass weniger als die Hälfte der Befragten überhaupt eine eindeutige Primärsprache hat und dass Personen mit sehr starren Präferenzen oft eine geringere Beziehungszufriedenheit aufweisen.

Stattdessen scheint eine „ausgewogene Ernährung“ (nutritionally balanced approach) an Liebesbekundungen entscheidend für die Beziehungsqualität zu sein. Die Quellen schlagen vor, dass Therapeut:innen den Fokus von der Suche nach der einen Sprache hin zur Entwicklung eines breiten Repertoires an Ausdrucksformen verschieben sollten.

Die 10 Dimensionen:

  • Rechenschaft & Kompromiss (Accountability and Compromise): Verantwortung übernehmen und Konflikte fair lösen.
  • Verbale Bestätigung (Verbal Affirmation): Komplimente und Liebesbekundungen.
  • Geschenke (Gifts): Kleine Aufmerksamkeiten als Symbol der Liebe.
  • Physische Intimität (Physical Intimacy): Zärtlichkeit und Sexualität.
  • Verwöhnen (Pampering): Den Partner umsorgen, z.B. Massagen oder ein Bad vorbereiten.
  • Hilfsbereitschaft (Acts of Service): Unterstützung im Haushalt und Alltag.
  • Förderung individueller Ziele (Encouragement of Individual Pursuits): Die Interessen und Ambitionen des Partners unterstützen.
  • Selbstoffenbarung (Disclosure): Gedanken, Gefühle und Erlebnisse teilen.
  • Unterstützung in schweren Zeiten (Support in Difficult Times): In Krisen oder bei Krankheit physisch und emotional präsent sein.
  • Soziale Integration (Social Network Integration): Den Partner in den Freundeskreis und die Familie einbeziehen.

Besonders Verbale Bestätigung, die Förderung individueller Ziele, Unterstützung in schweren Zeiten und Rechenschaft/Kompromissbereitschaft erwiesen sich als robuste Prädiktoren für eine hohe Beziehungsqualität, unabhängig von individuellen Vorlieben.

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O’Brien, M., Kini-Seery, C., Kelly, C., Kilbride, K., Wrigley, M., Nearchou, F., & Bramham, J. (2025). „I Felt Like a Burden“: An Exploration Into the Experience of Romantic Relationships for People With ADHD. Journal of Marital and Family Therapy. https://doi.org/10.1111/jmft.70097

Die Studie ist im Volltext kostenlos über ResearchGate verfügbar: https://www.researchgate.net/publication/398104576_I_Felt_Like_a_Burden_An_Exploration_Into_the_Experience_of_Romantic_Relationships_for_People_With_ADHD

Forschungsfragen: Die qualitative Studie untersuchte:

  1. Wie Erwachsene mit ADHS den Einfluss ihrer neurobiologischen Besonderheiten auf ihre romantischen Beziehungen verstehen und interpretieren.
  2. Welche spezifischen Herausforderungen in Bezug auf Beziehungsdynamiken, Selbstbild und internalisierte Überzeugungen auftreten.
  3. Wie die Diagnose (oder deren Fehlen) die Fähigkeit beeinflusst, Intimität und Stabilität in einer Partnerschaft zu finden.

Zusammenfassung der Durchführung:

Die Forscher:innen nutzten eine Reflexive Thematische Analyse (RTA), um die Antworten von 355 Erwachsenen mit ADHS (diagnostiziert oder selbstidentifiziert) auf offene Survey-Fragen auszuwerten. Die Teilnehmenden stammten aus Irland, und die Studie legte Wert darauf, die gelebte Erfahrung (Lived Experience) der Betroffenen ohne Vorurteile abzubilden.

Implikationen für Praktiker:innen – Der Beitrag für Paartherapie:

Diese Studie verdeutlicht, dass ADHS weit mehr ist als eine Liste von Konzentrationsproblemen; es ist eine Beziehungsstörung im Sinne einer tiefgreifenden Dynamik von Scham, Angst und Ungleichgewicht. Paartherapeut:innen können bei ADHS-betroffenen Paaren entscheidende Hebel ansetzen:

  1. Validierung der „Emotionalen Achterbahn“ (Rejection Sensitivity Dysphoria): Viele Betroffene leiden unter einer extremen Empfindlichkeit gegenüber (vermeintlicher) Ablehnung (RSD). Paartherapeut:innen können helfen, das daraus resultierende „Klammern“ oder „Rückzug aus Angst“ als Schutzstrategien zu entlarven. Ziel ist es, die Dynamik von Überkompensation und Burnout zu durchbrechen.
  2. Vom „Pfleger-Modell“ zurück zur Partnerschaft auf Augenhöhe: Ein zentrales Thema ist die Rollenverschiebung: Der nicht-betroffene Partner übernimmt oft exekutive Aufgaben (Haushalt, Finanzen), was zu einer Eltern-Kind-Dynamik führt. Therapeut:innen können Paaren helfen, diese Schieflage zu erkennen und durch gezielte Unterstützung der Exekutivfunktionen (z. B. durch kognitiv-verhaltenstherapeutische Strategien) die Autonomie des ADHS-Partners zu stärken.
  3. Psychoedukation als Befreiungsschlag: Die Studie zeigt, dass das Verständnis der eigenen Neurodivergenz („Chaos zu Klarheit“) transformativ wirkt. Therapeut:innen können dyadische Psychoedukation anbieten, damit beide Partner lernen, ADHS-Symptome (wie Vergesslichkeit oder Ablenkbarkeit) nicht als mangelndes Interesse oder Liebesentzug misszudeuten.
  4. Förderung von Selbstmitgefühl und „Unmasking“: Betroffene tragen oft jahrelange Narrative von „Versagen“ und „Nutzlosigkeit“ mit sich. Therapeut:innen können einen neuroaffirmativen Raum schaffen, in dem der ADHS-Partner seine Maske ablegen darf („Unmasking“) und lernt, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Ansätze wie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) sind hier besonders wirksam.
  5. Adressierung von Bindungsstilen: Da ADHS oft mit ängstlichen oder vermeidenden Bindungsstilen korreliert, sollte die Therapie gezielt an der emotionalen Sicherheit arbeiten, um Konflikte und Beziehungsinstabilität zu reduzieren.

Zum Thema ADHS in der Partnerschaft interessiert dich möglicherweise auch dieser Beitrag von mir.

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Seedall, R. B., Willis-Moore, M. E., Schwartz, S. E., & Odum, A. L. (2025). Delay Discounting Within Couple Relationships: An Initial Exploration. Journal of Marital and Family Therapy, 51(4), 1752-0606. https://doi.org/10.1111/jmft.70082

Forschungsfragen: Die Studie untersuchte das verhaltensökonomische Konzept des „Delay Discounting“ (die Abwertung verzögerter Belohnungen) erstmals im Kontext von Paarbeziehungen. Die zentralen Fragen waren:

  1. Wie hängt die Tendenz zu sofortiger Gratifikation mit den Bindungsstilen (Angst und Vermeidung) zusammen?
  2. Welchen Einfluss hat dieser „Belohnungsaufschub“ auf Beziehungsprozesse wie Unterstützung und destruktive Konflikte?
  3. Besteht ein Zusammenhang zwischen dieser impulsiven Abwertung zukünftiger Gewinne und der allgemeinen Beziehungszufriedenheit?

Zusammenfassung der Durchführung:

An der Studie nahmen 368 Personen in festen Partnerschaften teil. Mittels eines in der verhaltensökonomischen Forschung entwickelten Verfahrens mussten die Teilnehmer:innen zwischen hypothetischen Geldbeträgen wählen: einem kleineren Betrag sofort oder einem größeren Betrag ($100) nach einer Zeitspanne (von einer Woche bis zu fünf Jahren). Aus diesen Entscheidungen wurde ein individueller Wert (ED50) für die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub berechnet und mit standardisierten Fragebögen zu Bindung, Konfliktverhalten, Unterstützung und Zufriedenheit korreliert.

Implikationen für Praktiker:innen – Der Blick auf das „emotionale Sparkonto“:

Die Ergebnisse bieten eine neue Perspektive für die Paartherapie. Die Autor:innen argumentieren, dass viele der wertvollsten „Belohnungen“ einer Beziehung – wie Sicherheit, tiefes Vertrauen und Intimität – nicht sofort eintreten, sondern über lange Zeiträume durch viele kleine, oft mühsame Interaktionen aufgebaut werden.

  1. Bindungsangst als Treiber für Impulsivität: Die Studie zeigt, dass Personen mit hoher Bindungsangst (Angst vor Verlassenwerden) verzögerte Belohnungen deutlich stärker abwerten. Für die Praxis bedeutet das: Diese Klient:innen drängen oft auf sofortige Rückversicherung und haben Schwierigkeiten, auf die langfristige Stabilität der Beziehung zu vertrauen. In der Therapie kann hier die Emotionsregulation im Fokus stehen, um den Drang nach unmittelbarer Beruhigung zu mildern.
  2. Gefahr im Konflikt – Das Hier und Jetzt überbewerten: Eine starke Tendenz zum Delay Discounting ist signifikant mit destruktivem Konfliktverhalten korreliert. Therapeut:innen können dies als „Kurzsichtigkeit im Streit“ interpretieren: In hitzigen Momenten verlieren Betroffene die langfristigen Beziehungsziele (wie Versöhnung oder Respekt) aus den Augen, um einen kurzfristigen Impuls (z. B. Recht haben wollen, Verletzen) auszuleben.
  3. Intervention: Episodic Future Thinking (EFT): Die Forschung schlägt vor, Techniken aus der Suchttherapie zu adaptieren. Beim EFT werden Paare angeleitet, sich positive zukünftige Ereignisse lebhaft und detailliert vorzustellen (z. B. ein gemeinsamer Urlaub in sechs Monaten). Dies reduziert nachweislich die Impulsivität und hilft, den Wert der aktuellen „Beziehungsarbeit“ für die Zukunft wieder spürbar zu machen.
  4. Framing und Bündelung: Sie können Paaren helfen, Entscheidungen anders zu „rahmen“ (Framing). Statt vager Zeiträume sollten spezifische Daten genutzt werden (z. B. „Wie wollen wir am 15. Juni 2026 als Paar dastehen?“), da konkrete Daten die Abwertung verzögerter Belohnungen verringern. Auch das „Bündeln“ (Bundling) von Entscheidungen hilft: Nicht „Soll ich heute Abend freundlich sein?“, sondern „Will ich diesen Monat ein unterstützender Partner sein?“.

Diese Studie liefert das wissenschaftliche Rückgrat für die Arbeit an der Langzeitperspektive in Paarbeziehungen. Paartherapie ist oft die Arbeit daran, Klient:innen zu befähigen, kurzfristige Impulse zugunsten einer „großen Ernte“ in der Zukunft zurückzustellen. Das Verständnis von Delay Discounting hilft zu erklären, warum manche Paare trotz Liebe an der täglichen Umsetzung scheitern: Sie sehen den Wald vor lauter (sofort verfügbaren) Bäumen nicht.

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Die folgende Studie soll hier nur Erwähnung finden um zu dokumentieren, wie die Einbindung von KI in Paartherapieprozesse nun auch beforscht wird. Vor einem Jahr hatte die Studie „When ELIZA meets therapists: A Turing test for the heart and mind“ (downloadbar unter https://www.researchgate.net/publication/388926939_When_ELIZA_meets_therapists_A_Turing_test_for_the_heart_and_mind) für recht viel Presseecho gesorgt.

Takagi, G., Hagidai, M., & Koiwa, K. (2025). Effect of ChatGPT Feedback on the Outcomes of a WebBased SelfCare Support Tool Based on SolutionFocused Brief Therapy. Journal of Marital and Family Therapy, 51(1). https://doi.org/10.1111/jmft.70096

Informationen zum Journal: Das Journal of Marital and Family Therapy (JMFT) ist das offizielle, peer-reviewte Flaggschiff-Journal der American Association for Marriage and Family Therapy (AAMFT). Es gilt als eine der weltweit führenden wissenschaftlichen Publikationen für die klinische Praxis und Forschung in der Paar- und Familientherapie.

Forschungsfragen: Die Studie untersuchte den Einfluss von ChatGPT-Feedback innerhalb eines webbasierten Selbsthilfe-Tools, das auf der Lösungsfokussierten Kurzzeittherapie (SFBT) basiert. Zentrale Fragen waren:

  1. Kann personalisiertes Feedback einer KI die Wirksamkeit eines digitalen SFBT-Tools in Bezug auf Lösungsorientierung, Wohlbefinden und die Realisierung des idealen Lebens steigern?
  2. Führt spezifisches Feedback zur Konkretheit und Realisierbarkeit von Zielen zu einer stärkeren Reduktion der wahrgenommenen Problemschwere?

Die zweite Forschungsfrage konnte bejaht werden, es ist aber noch unklar, ob es sich dabei auch um psychische Abwehrmechanismen handeln könnte.

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Mitchell, E. A., Brown, K. S., Spencer, J., & Harris, K. (2026). Staying Together After Infidelity: An Exploration of the DecisionMaking Process of Recovery From the Perspective of the Injured Partner. Journal of Marital and Family Therapy, 52(1), e70110. https://doi.org/10.1111/jmft.70110

Forschungsfragen: Die Studie verfolgte zwei Hauptziele:

  1. Das Verständnis der Entscheidung der verletzten Partnerin, in der Beziehung zu bleiben.
  2. Die Untersuchung der Entscheidungsprozesse während der Erholungsphase (Recovery) nach einem Treuebruch.

Zusammenfassung der Durchführung: Es handelt sich um eine qualitative phänomenologische Studie. Es wurden semi-strukturierte Interviews mit 11 verletzten Partnerinnen geführt, die sich entschieden hatten, nach einer Affäre ihres Partners bei ihrem Partner zu bleiben. Die Entdeckung des Betrugs musste mindestens zwei Jahre zurückliegen (Durchschnitt: 6 Jahre), um fundierte Aussagen über den langfristigen Erholungsprozess treffen zu können.

Implikationen für Praktiker:innen – Fokus auf den Erholungsprozess (Abschnitt 3.4):

Der Abschnitt 3.4 („Recovery“) liefert für uns Paartherapeut:innen die wohl wichtigsten praxisrelevanten Erkenntnisse, da er beschreibt, was Paare nach der Entscheidung zum Bleiben benötigen, um die Beziehung dauerhaft zu stabilisieren.

  1. Wiederaufbau von Vertrauen – Die doppelte Herausforderung (Abschnitt 3.4.1): Die Studie zeigt, dass der Wiederaufbau von Vertrauen nicht nur bedeutet, dem Partner wieder zu glauben.
  • Selbstvertrauen als Therapieziel: Ein zentrales Ergebnis ist, dass die verletzte Person lernen muss, sich selbst wieder zu vertrauen. Das bedeutet konkret: Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, den Drang zur Kontrolle (z. B. das Handy des Partners zu checken oder ihm heimlich zu folgen) zu widerstehen. Als Therapeut:in ist es die Aufgabe, diesen Prozess der „Selbst-Detoxifikation“ von der Detektivrolle zu begleiten.
  • Aktive Rolle des untreuen Partners: Vertrauen entsteht durch die Responsivität des Partners. Es reicht nicht, wenn er passiv „verfügbar“ ist; er muss aktiv Transparenz anbieten (z. B. den Zugang zum Handy von sich aus anbieten) und zeigen, dass er die Sorgen der Partnerin wirklich hört und versteht.
  1. Die Rolle der Therapie und die Gefahr des „Abwürgens“ (Abschnitt 3.4.2): Die Teilnehmerinnen berichteten von sehr unterschiedlichen Therapieerfahrungen.
  • Therapeutische Fehler vermeiden: Einige empfanden es als extrem belastend, wenn Therapeut:innen zu früh versuchten, das Thema der Affäre abzuschließen (z. B.: „Jetzt haben wir es einmal besprochen, ab jetzt reden wir nicht mehr darüber“). Dies blockiere den Heilungsprozess.
  • Sicherheitsrahmen bieten: die Aufgabe der Paartherapie ist es, einen „Rahmen der Sicherheit“ (frame of safety) zu schaffen, in dem Grenzen ausgehandelt werden können. Manchmal bedeutet das auch, zunächst Einzeltherapie zu empfehlen, damit beide Partner sich stabilisieren können, bevor die intensive Paararbeit beginnt.
  1. Der „Beziehungs-Vertrag“ und neue Grenzen: Die Studie betont, dass Paare oft vor der Affäre keine expliziten Absprachen über Grenzen hatten.
  • In der Therapie sollte aktiv die Erstellung eines neuen „Beziehungs-Vertrags“ moderiert werden. Darin wird definiert, was Treue, Monogamie oder gegebenenfalls vereinbarte Nicht-Monogamie für dieses spezifische Paar bedeuten. Diese Regeln müssen regelmäßig überprüft und an Lebensveränderungen angepasst werden.
  1. Ergänzende Ressourcen (Abschnitt 3.4.3): Über die Hälfte der Teilnehmerinnen nutzte Bücher zur Selbsthilfe. Die Studie schlägt vor, dass Therapeut:innen eine Art „Clearingstelle“ für Ressourcen (Bücher, TED-Talks, Podcasts) pflegen sollten, um Klient:innen zwischen den Sitzungen gezielt hochwertiges Material an die Hand zu geben, das den Heilungsprozess unterstützt, statt durch schlechte Ratschläge weiteren Schaden anzurichten.

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Die folgende Studie soll nur kurz angerissen werden, da sie die internationale Forschung um eine chinesische Perspektive erweitert. Konkret geht es um die Auswirkungen einer Prostatakrebsdiagnose auf die Paardynamik und Bewältigungsstrategien.

Yuan, X., Yu, Z., Yin, H., Yang, Z., Chen, M., & Yang, Y. (2026). Psychosocial experience of couples coping with prostate cancer: a qualitative study. Scientific Reports, 16, 7363. https://doi.org/10.1038/s41598-026-38068-8.

Informationen zum Journal: Die Studie erschien in Scientific Reports, einer multidisziplinären, peer-reviewten Open-Access-Zeitschrift aus dem Portfolio von Nature. Das Journal veröffentlicht wissenschaftlich fundierte Forschung aus den Natur-, klinischen und Ingenieurwissenschaften.

Forschungsfragen: Die qualitative Studie verfolgte das Ziel, die psychosozialen Erfahrungen von Paaren in China zu untersuchen, die innerhalb der ersten sechs Monate nach einer Prostatakrebs-Diagnose mit der Erkrankung konfrontiert sind. Besonderes Augenmerk lag auf:

  1. Wie erleben Paare als „interdependente Einheit“ die emotionalen Reaktionen und Bewältigungsprozesse?
  2. Welchen Einfluss haben spezifische soziokulturelle Normen Chinas auf die dyadische Anpassung?

Zusammenfassung der Durchführung: Es wurden semi-strukturierte Interviews mit 14 heterosexuellen Paaren in Erst-Ehe durchgeführt (rekrutiert in einem urologischen Krebszentrum in Shanghai). Die Datenerhebung erfolgte zwischen Juni 2023 und Juni 2024. Die Interviews wurden getrennt geführt, um eine offene Kommunikation über sensible Themen zu ermöglichen, jedoch mittels einer dyadischen Analyseperspektive (Reflexive Thematische Analyse nach Braun & Clarke) ausgewertet, um die wechselseitigen Einflüsse der Partner zu erfassen.

Die Studie mahnt die internationale Gemeinschaft dazu, bei der Entwicklung von Interventionen für Paare wegzukommen von „Einheitslösungen“ und stattdessen kultursensible Ansätze zu verfolgen, die die spezifischen Mechanismen von Kommunikation und Intimität in nicht-westlichen Gesellschaften respektieren.

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Die folgende Veröffentlichung könnte interessant in der Ausbildung in Paartherapie sein.

Capozzi, F. (2025). A research-driven flowchart to approach change in couples. Frontiers in Psychology, 15:1438394. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1438394

Informationen zum Journal: Frontiers in Psychology ist eine führende, multidisziplinäre und peer-reviewte Open-Access-Zeitschrift. Sie gehört zu den meistzitierten psychologischen Fachzeitschriften weltweit und deckt ein breites Spektrum der psychologischen Forschung ab.

Forschungsfragen: Die Arbeit adressiert eine Lücke in der paartherapeutischen Literatur: Das Fehlen einer strukturierten, schrittweisen Methode, um systemische Konzepte in konkret umsetzbare Therapieziele zu übersetzen. Die zentrale Frage war, wie Forschungsergebnisse aus der Beziehungswissenschaft in ein praxisnahes Flowchart integriert werden können, um insbesondere Therapeut:innen in der Ausbildung bei der Zielidentifikation zu unterstützen.

Zusammenfassung der Durchführung: Es handelt sich um ein Perspective Paper, das Forschungsergebnisse aus verschiedenen Bereichen der Beziehungswissenschaft (z. B. Common Factors, Bindungstheorie, Prozessforschung) synthetisiert. Das Ergebnis ist ein dreiphasiges Flowchart, das den Entscheidungsprozess von der ersten Anfrage bis zur Festlegung individueller Veränderungsziele abbildet.

 

Flowchart

Quelle: „A research-driven flowchart to approach change in couples“ von F. Capozzi, 2025, Frontiers in Psychology, 15, Artikel 1438394 (https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1438394). Gemäß der Creative Commons Attribution License (CC BY).

 

Umsetzbarkeit des Flowcharts in der Paartherapie-Ausbildung:

Das Flowchart ist explizit darauf ausgerichtet, die Ausbildung zu erleichtern, da Trainees oft Schwierigkeiten haben, den abstrakten Leitsatz „Die Beziehung ist der Klient“ in die Praxis umzusetzen. Es bietet eine „Roadmap“, um den „Tango“ aus wechselseitigen maladaptiven Mustern (Feedback-Schleifen) sichtbar zu machen.

  1. Phase: Feststellung der Angemessenheit (Establishing Appropriateness) Für Auszubildende ist die Entscheidung „Einzel- oder Paartherapie?“ oft eine Hürde. Das Flowchart bietet hier klare Kriterien:
  • Es prüft, ob ein individuelles Problem eines Partners (z. B. Depression oder Sucht) die Paardynamik so stark dominiert, dass zunächst eine Einzeltherapie notwendig oder begleitend erforderlich ist.
  • Dies schützt Trainees vor „unangemessenen Allianzen“ und hilft, die Sicherheit (insbesondere bei Gewalt) als oberste Priorität zu wahren.
  1. Phase: Bestimmung allgemeiner Ziele (General Goals) Hier unterstützt das Modell die Lernenden dabei, die Ambivalenz der Paare zu navigieren:
  • Es unterscheidet klar zwischen Paaren, die ihre Beziehung verbessern wollen, und jenen, die die Fortführung grundsätzlich infrage stellen.
  • Trainees lernen, bei hoher Unsicherheit sogenannte „Last-Chance-Ansätze“ (z. B. Discernment Counseling) zu wählen, anstatt verfrüht in die Veränderungsarbeit einzusteigen.
  1. Phase: Systemische Konzeptualisierung spezifischer Ziele (Systemic Perspective) Dieser Teil ist das Herzstück für die Ausbildung, da er hilft, die Perspektive von der Schuldzuweisung hin zur Zirkularität zu verschieben.
  • Reframing als Vorarbeit (Abschnitt 3.4): Wenn Paare (wie das Beispiel Alex und Aiden in der Studie) in gegenseitigen Vorwürfen gefangen sind, ist das erste Ziel laut Flowchart das „Problem Reframing“. Auszubildende lernen, dass sie nicht direkt an der Kommunikation arbeiten können, wenn die Partner das Problem noch rein individuell („Er ist zu kalt“, „Sie ist zu kritisch“) sehen.
  • Verantwortungsübernahme (Acknowledgement): Das Flowchart führt den Trainee dazu, zu prüfen: „Sieht jeder Partner seine eigene Rolle im Muster?“. Erst wenn diese Anerkennung erfolgt, können individuelle Veränderungsziele formuliert werden, die den destruktiven Kreislauf unterbrechen.
  • Empowerment durch Individualziele: Ein wichtiger Punkt für die Ausbildung ist die Erkenntnis, dass systemische Arbeit auch individuelle Ziele beinhalten kann. Das Flowchart zeigt, wie man Ziele definiert, die den Partner befähigen, seinen Teil des Musters zu verändern, ohne auf die Änderung des anderen zu warten.

 

Das Flowchart ist modell-agnostisch. Das bedeutet, egal ob nach EFT, Gottman oder systemisch ausgebildet wird, bietet das Tool eine meta-theoretische Struktur, die hilft, den therapeutischen Fokus zu halten und den Fortschritt der Ausbildung messbar zu machen. Es ist ein geeignetes Werkzeug für Supervisionssitzungen, um zu lokalisieren, an welcher Stelle ein Trainee im Prozess mit einem „schwierigen“ Paar gerade feststeckt.

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Offenlegung zum Vorgehen und zur Unabhängigkeit:

Die Studien wurden händisch über verschiedene Kataloge recherchiert und ausgewertet. Die Auswahl erfolgte subjektiv anhand der Einschätzung zur Relevanz in der paartherapeutischen Praxis. Zur Formulierung der Zusammenfassungen wurde KI eingesetzt, wobei die Inhalte explizit vom KI-Training ausgeschlossen wurden. Die Autor:innen sind dem Herausgeber nicht persönlich bekannt, und es erfolgte keine Einflussnahme Dritter auf die Selektion.